Rückschau: AegisLiteraturtalk in der Theaterei Herrlingen #1: Bücher & Menschen

  Florian L. Arnold   Okt 14, 2019   Buchhandlung, Indie-Verlag, Kooperation, Veranstaltung   0 Comment

AegisLiteraturtalk in der Theaterei Herrlingen – das neue Format setzt bewusst auf Buchempfehlungen und Literaturgespräche abseits des Mainstreams, auf Entdeckungen und Highlights, die keine Bestseller-Listung nötig haben. Nicht die üblichen Verdächtigen – sondern herausragende Literatur. Im Gespräch stellten Theaterei-Leiterin Edith Erhardt, Maro-Verlegerin Sarah Käsmayr und Autor Florian L. Arnold unter anderem diese Titel vor: „Lasst uns mit den Toten tanzen“ von Pia Klemp, „So tun als ob es regnet“ von Iris Wolff, „Die Ringe des Saturn“ von W. G. Sebald, „Squirrel“ von Ernst Penzoldt und „Im Schuppen ein Mann“ von Susanne Neuffer.

Zahlreiche Gäste hatten sich zu dieser Literaturrunde eingefunden und zeigten sich erfreut, auf Literatur aufmerksam gemacht zu werden, die sprachlich und inhaltlich heraussticht. Schauspieler und Sprecher Stefan Wancura las Auszüge aus den vorgestellten Werken, der Ulmer Musiker Ferdinand Schlichtig begleitete mit geistreich den jeweiligen Werken angepassten Improvisationen.
Die nächste Ausgabe des AegisLiteraturtalk findet am 19. Januar 2020 in der Theaterei Herrlingen statt.

 

 

Die Bücher des Abends noch einmal hier …

Susanne Neuffer: Im Schuppen ein Mann
MaroVerlag, 2019

Verwandelt der Nachbar Wasser in Wein? Ist die Rivalin ein mensch­liches Wesen oder ein besonders attraktives Exemplar künstlicher Intelligenz? Weiß die Hausbesitzerin, was sich im Schuppen tut? Lässt sich ’68 nachspielen? Kann man die Welt durch ein Radiopro­gramm retten? Fallen tatsächlich Ballkleider vom Himmel? Wie leiht man sich eine literarische Existenz? Und wer spielt auf beim Untergang Europas? Susanne Neuffers Fi­guren machen sich selbst und ­anderen gerne etwas vor, die Erzählungen sind voller funkelnder Formulierungen und geistreicher Was-wäre-Wenn-Phantastik. Sehr lesenswert weil klug und sprachlich ausgefeilt ge- und beschrieben!
> Empfehlung von Sarah Käsmayr

Ernst Penzoldt: Squirrel
Roman, zuletzt erschienen im Insel-Verlag

„Ein schmaler Roman von unbeschreiblichem Zauber, der mich Tage lang glücklich machte.“ (Thomas Mann)

„Squirrel“ von Ernst Penzoldt wurde 1954 veröffentlicht und ist momentan leider nur noch antiquarisch erhältlich. Schade, denn dieser feine, fein beobachtete und zutiefst menschliche Roman hätte eine liebevolle Wiederveröffentlichung verdient. Darum geht es: In die etwas lebensmüde gewordene Familie Kuttelwascher platzt der junge „Squirrel“, ein liebenswerter und liebreizender Bursche, der allen den Kopf verdreht. „Squirrel besitzt nichts außer viel Zeit inmitten einer Menschheit, die, indem sie Zeit sparte, immer weniger Zeit hatte“.
Bald schon ist er nicht mehr wegzudenkender Teil der Familie, die sich durch das beinah magische Wirken des Jungen wieder ins Leben verliebt. Und dann ist Squirrel eines Tages wieder fort …

Squirrel ist ein Roman von ganz zeitlosem Reiz. Penzoldts reiche und poetische Sprache lässt jede Figur lebendig werden, jeder Satz sprüht vor Wortwitz und Einfallsreichtum.

Übrigens: Thomas Mann war ein Fan des Buches und lobte „Squirrel“ mit diesen Worten:
„Ein schmaler Roman von unbeschreiblichem Zauber, der mich tagelang glücklich machte. Die Erscheinung von etwas ganz Leichtem, Sorg- und Nutzlosem, kurzum Poetischem, in der geheimnisvollen Person eines jungen Vagabunden, der während eines kurzen Verweilens alle Herzen gewinnt, allen etwas befreiend überraschendes mitteilt, alle einen Augenblick bessert und dann wieder entschwindet – mehr ist es nicht, aber es ist entzückend.“
> Empfehlung von Florian L. Arnold

 

Iris Wolff: So tun als ob es regnet
Otto Müller Verlag, 2017

Ziemlich genau 100 Jahre umspannt Iris Woff mit vier eng verzahnten Erzählungen, aus denen ihr Roman besteht. Eine ungewöhnliche, mit jedem Satz eine unwiderstehliche Poesie entfaltende sprachliche Schönheit zeichnet ihren „Roman in vier Erzählungen“ aus. Da gibt es die „Gesellschaft der Schlaflosen“, eine Erzählung von feinem Witz, die mitunter surreale Wirkung hat. Oder der junge Motorradfahrer, der frisch verliebt ist und sich sicher ist, bald sterben zu müssen. Und am Ende des Romans begegnen wir dem kleinen Mädchen aus der ersten Erzählung wieder – als alte Frau, die auf ihr Leben zurückschaut.
Eine Buch, wie man es selten vorgelegt bekommt: sprachzauberisch, geistreich, tröstlich. Kurz: dauerhaft schöne Literatur.
> Empfehlung von Edith Erhardt

 

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