Sommerbücher: Unsere Lesetipps. Teil 1

  Florian L. Arnold   Jul 29, 2019   Buchtipp, Veranstaltung   0 Comment

 

Zu einigen der schönsten Bücher für den Sommer haben wir diese Ausgaben gewählt, die wir kurz vorstellen wollen:

Roger Willemsen. Wer wir waren. 2019
Roger Willemsen hatte vor seinem Tod an einem neuen Buch gearbeitet. Es sollte „Wer wir waren“ (>bestellen) heißen und unsere Gegenwart betrachten – aus der Zukunft.
Als Roger Willemsen im Sommer 2015 krank wurde, stellte er die Arbeit an diesem Buch ein. In seiner „Zukuntsrede“ aber steckt mehr als nur ein melancholisches Resümee – sondern die aussergewöhnliche Sicht auf unsere Welt durch die Sinne eines Mannes, auf den der Begriff „aussergewöhnlich“ besser passt als zu vielen anderen.

Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios (2019)
Was für ein Roman! Der Brief eines Sohnes an die vietnamesische Mutter, die ihn nie lesen wird. Die Tochter eines amerikanischen Soldaten und eines vietnamesischen Bauernmädchens ist Analphabetin, kann kaum Englisch und arbeitet in einem Nagelstudio. Sie ist das Produkt eines vergessenen Krieges. Der Sohn, ein schmächtiger Außenseiter, erzählt – von der Schizophrenie der Großmutter, den geschundenen Händen der prügelnden Mutter und seiner tragischen ersten Liebe zu einem amerikanischen Jungen. Vuong schreibt mit alles durchdringender Klarheit von einem Leben, in dem Gewalt und Zartheit aufeinanderprallen.
Ein kraftvolles Debüt!

„Laß mich von vorn anfangen. Ma, ich schreibe, um dich zu erreichen – auch wenn jedes Wort auf dem Papier ein Wort weiter weg ist von dort, wo du bist. Ich schreibe, um zu jenem Mal an der Raststätte in Virginia zurückzukehren, als du voller Entsetzen den ausgestopften Hirschkopf angestarrt hast, der über dem Getränkeautomaten bei den Toiletten hing; sein Geweih überschattete dein Gesicht. Im Auto hast du immer noch den Kopf geschüttelt. »Ich verstehe nicht, warum die Leute so was machen. Sehen die denn nicht, dass es ein totes Tier ist? Eine Leiche sollte verschwinden, nicht für immer so feststecken.«Ich denke jetzt an diesen Hirsch, wie du in seine schwarzen Glas augen gestarrt und dich selbst, deinen ganzen Körper verzerrt in diesem leblosen Spiegel gesehen hast. Wie es nicht die groteske Zur schau stellung eines geköpften Tieres war, die dich so aufwühlte – sondern dass die Ausstopfung einen Tod verkörperte, der nicht enden würde, einen Tod, der ununterbrochen stirbt.“

Hier findet sich eine >Leseprobe.

Friedo Lampe: Septembergewitter, Milena, 2019
Na schön, der Roman heißt „Septembergewitter“ (>bestellen), aber lesen kann und muß man dieses schmale Büchlein immer. Friedo Lampe gilt als Meister des Magischen Realismus, eine „Spannung des Unheimlichen“ (Wolfgang Koeppen) durchzieht alle Texte.
Lampes Literatur ist unverbraucht, irisierend und sehr originell. „Kein umfangreiches, aber ein wichtiges, vollendetes, nobles, noch unausgeschöpftes OEuvre, voll von Lesefreuden, ein Lehrbuch für junge Schriftsteller, und ich glaube, es zählt zum Bleibenden der deutschen Literatur“, sagte Wolfgang Koeppen.
Lampe hatte Pech: Nach einer immer wieder ganz unverschuldet stockenden Schriftstellerkarriere wurde der Autor – alles andere als ein Sympathisant der Nazis – von den Russen als vermeintlicher Nazi in den letzten Kriegstagen erschossen. Zurück bleibt ein schmales und kraftvolles Werk – darunter dieser schöne Roman, der uns mit subtilem Surrealismus innerhalb eines Tages an dutzende von Schauplätzen führt.

Da ist der Großvater, der Totengräber ist, und seine Enkelinnen. Der kleine Martin, der in die Bubenbande des starken Jan aufgenommen werden möchte, aber eben nicht so stark ist, wie es sein verstorbener Vater war. Der böse Emil, der den Kindern die Drachenschnüre durchschneidet, weil er nicht will, dass sie fliegen. Der junge Leutnant Charisius, der beschließt, nach Kamerun zu gehen, weil man dort so schön sterben kann und seine Geliebte, Marie, die vor einer Woche ermordet aufgefunden wurde. Wer war der Täter?
Wenn man aufmerksam liest, ist das Buch eine Offenbarung an vershcmitzte Humor und herrlichen kleinen Vignetten von Eigenwilligen, Eigenbrötlern und Charakterköpfen, die man gern haben muss.

Übrigens gibt es von Lampe im Wallstein Verlag eine weitere wertvolle Roman-Trouvaille: „Am Rande der Nacht“.

„Man muss’n bisschen lachen dabei, aber es ist doch auch traurig. Natürlich geht das Ganze schief aus.“

Weitere Lesetipps und Shortcuts von unserem „Sommerbücher“-Lesen in Kürze!

 

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